Barbara Götz

 

Selbstbehauptung und Selbstverteidigung für Frauen und Mädchen mit und ohne Behinderung

 

Tipps für BetreuerInnen von Frauen und Mädchen mit Behinderungen und SonderpädagogInnen

1. Was sollten Sie bei der Auswahl eines SV-Kurses für Ihre Frauen und Mädchen beachten:

Ein Selbstverteidigungskurs erweitert die Kompetenzen

Frauen und Mädchen mit Behinderungen haben sehr unterschiedliche Fähigkeiten. Es gibt keine  Ratschläge "von der Stange". Wir empfehlen einen SV-Kurs, damit jede Frau ihre eigenen Stärken herausfinden kann.

Lassen Sie sich über die Inhalte eines Kurses gut informieren.

Sie sollten Vorgehensweisen und Formulierungen, die in einem Kursangebot vorgeschlagen werden, kennen. Teilnehmerinnen werden diese Ihnen gegenüber verwenden und Sie sollten darüber informiert sein, um gegebenenfalls dementsprechend aktiv werden zu können.  

Trainerinnen eines Kurses sollten sich Qualitätsstandards verpflichtet fühlen.

Ich lege meiner Arbeit folgende Standards zugrunde:
www.bvfest.de/qualitaetsstandards.html

Ich verweise auf diese Information, der wir unsere Grundsätze, Ideen und Inhalte vorstellen.

2. Was sollten Sie berücksichtigen, nachdem ein SV-Kurs für Frauen und Mädchen durchgeführt wurde:  

Das Nein der Teilnehmerinnen

Die Teilnehmerinnen  eines Kurses werden die Strategien des Kurses ausprobieren. "Nein " sagen gehört in diesem Fall zu den Favoriten und es kann sein, dass Frauen und Mädchen  dies ausreizen.

Dies sollte als Erfolg gewertet werden. Wir hatten das Beispiel einer Teilnehmerin, die sich nach einem Workshop mit ihrem neuen, selbstbewussten "Nein" kategorisch weigerte, an einen neuen Platz versetzt zu werden und auch bei dieser Entscheidung blieb.

Positive Rückmeldungen

Die Ansätze, die die Teilnehmerinnen in den Kursen gezeigt haben, sollten positiv verstärkt werden.. Wenn beispielsweise eine Frau Grenzüberschreitungen berichtet, sollten ihre Reaktionen positiv herausgestellt werden und der Vertrauensbeweis, der durch das Erzählen gezeigt wird, positiv hervorgehoben werden. „Es ist gut, dass sie es mir davon erzählt haben. Ich schätze ihr Vertrauen und hoffe, dass sie mir auch weiterhin solche Ereignis berichten.“

Ansprechparter und Ansprechparterinnen

Im Verlauf eines Kurses können Übergriff zur Sprache kommen, die die Teilnehmerinnen erlebt, bislang aber verschwiegen haben. Für diesen Fall sollten AnsprechpartnerInnen bereit stehen, an die sich die Teilnehmerin auch nach  Ablauf des Kurses wenden kann und die sie damit weiter betreut.
 
3. Wenn Sie den Verdacht hegen, dass einer Frau oder einem Mädchen gegenüber ein Übergriff stattfand, sollten Sie folgendes beachten:

Beachten Sie die Wortwahl, in der Mädchen und Frauen über Erlebnisse berichten. Übergriffe  werden nicht immer als solche benannt, sondern können sich hinter Formulierungen wie "Der hat mich geärgert" oder Der hat das halt so gemacht" verstecken.

Bei diesen Sätzen könnten Sie misstrauisch werden und sich noch einmal genauer mit dem Ereignis beschäftigen. Es lohnt, nach den Gefühlen der  Betroffenen zu fragen und von da aus Genaueres zu erfahren.

Wenn ein Übergriff vorliegt, müssen Sie tätig werden.

Nachfragen ohne Schuldzuweisungen

Wenn Sie sich mit einer Frau Fragen zu einem möglichen Übergriff stellen, vermeiden Sie jeden Anschein einer Schuldzuweisung.

Das bedeutet, dass Sie Sätze wie "Warum hast du dann nicht das gemacht!" oder "Warum hast du dich nicht gewehrt?" unter allen Umständen vermeiden sollten.
Frauen, die Opfer eines Übergriffs wurden, sind immer geneigt, sich zuerst die Schuld zu geben. Dies sollte nicht verstärkt werden. Frauen, die sich selbst eben nicht die Schuld geben, können Übergriffe weit besser verarbeiten als wenn sie sich selbst eine Teil- oder Mitschuld geben.

Holen Sie sich Hilfe

Eine Betreuerin, die von einer Betroffnen ausgesucht wird und der ein Übergriff anvertraut wird, sollte sich zuerst selbst Unterstützung holen.

Nur wenn Sie selbst nicht allein gelassen werden, können Sie eine Betroffene angemessen unterstützen. Sie dürfen nicht denken, dass Sie jetzt alles allein regeln müssen. Da erfahrungsgemäß solche Unterstützungsleistungen eher langfristig zu erbringen sind, können Sie dies nicht leisten, wenn Sie nicht ihrerseits sich besprechen und beraten lassen können.

Möglichst keine Versprechen in Bezug auf eine absolute Geheimhaltung

Geben Sie nicht vorschnell Versprechen ab, das Ihnen Anvertraute für sich zu behalten. Auch Sie müssen sich austauschen können und eventuell müssen andere Personen auch informiert und hinzugezogen werden.

Interventionsleitfaden

In einer Einrichtung sollte geklärt sein, wie mit Übergriffen von Seiten der Einrichtung aus umgegangen werden soll und kann. Ein Interventionsleitfaden kann das Vorgehen strukturieren und vorgeben.. Damit wird vermieden, dass Ansprechpersonen ohne Wissen und Unterstützung  improvisieren müssen und die Betroffenen nicht ausreichend unterstützen können.

Es bietet sich an, während der Durchführung eines Kurses diese Fragen mit Hilfe der Trainerinnen vorzuklären und dann im institutionellen Rahmen weiter zu verfolgen und eine Leitfaden zu erstellen.

NIMM WAHR - DENK NACH - HANDLE